David gegen Goliath

Wie versucht wird, eine autonome Gemeinde gegen ihren Willen aufzulösen

rc. Die Stadt Lugano, das grösste und wichtigste Wirtschaftszentrum im Tessin, «muss» wachsen und braucht dazu dringend mehr Land, weil die eigenen Reserven an Bauland und grünen Zonen erschöpft sind. In diesem Bestreben unterzieht sie sich dem Diktat des neoliberalen Zeitgeistes, nach dem auch im Gemeinwesen der wirtschaftliche Faktor im Vordergrund steht und immer grössere und zentralistisch verwaltete Strukturen notwendig sein sollen.
Im Jahr 2004 hatte sich Lugano bereits mit den Vorortsgemeinden Gandria, Pazzallo, Davesco, Soragno, Cureggia, Pregassona, Viganello, Pambio Noranco und Breganzona zusammengeschlossen. Längst Geschichte ist überdies die Fusion mit Castagnola und Bré-Aldesago von 1972.
Durch den Zusammenschluss mit den vier Gemeinden Barbengo, Villa Luganese, Carabbia und Cadro erhofft sich die Stadt Lugano «eine effizientere Bewirtschaftung des Territoriums». Am 30.  September soll die Bevölkerung der betroffenen Gemeinden in einer Konsultativ-Abstimmung zu den Fusionsprojekten Stellung beziehen. Dass die Gemeinde Cadro kein Interesse an einer Fusion hat, scheint Lugano nicht zu stören. Die Stadt hat trotzdem mit Schreiben vom 12.  April an den Staatsrat in Bellinzona [Brief der Redaktion bekannt] unter anderem ein Gespräch mit der obersten Autorität des Kantons gefordert, um die genannten Fusionsprozesse zu beschleunigen. Sie schreibt unter anderem: «Die Fusion mit Cadro entspricht in jeder Hinsicht den strategischen Zielen, die der Stadtrat innerhalb der laufenden Legislaturperiode 2004–2008 erfüllen will […].» Daraufhin hat der Regierungsrat mit Brief vom 22.  Mai [Brief der Redaktion bekannt] die Gemeinde Cadro aufgefordert, in der zweiten Hälfte September eine Konsultativ-Abstimmung zur Fusion mit Lugano durchzuführen.
Eine pikante Situation: Wenn die Abstimmung in Cadro negativ ausfällt und somit die Fusion mit Lugano nicht zustande kommt, darf auch die kleinere Gemeinde Villa Luganese, die nördlich von Cadro liegt, falls sie der Fusion zustimmen sollte, nicht annektiert werden, weil sie nur gemeinsame Grenzen mit Cadro, nicht aber mit Lugano hat. Was die Fusionsgegner von Cadro beunruhigt, ist die mögliche Anordnung einer Zwangsfusion seitens des Regierungsrates des Kantons Tessin, was seit 1999 bereits viermal geschehen ist.
Aufmerksame Bürger von Cadro haben sich inzwischen zusammengeschlossen und sind gewillt, sich für die Autonomie ihrer Gemeinde zu wehren. Sie haben bereits Unterschriften gesammelt, beglaubigen lassen und der Regierung in Bellinzona zugestellt. Mit einer Broschüre informierten sie alle Bürger; beim Verwaltungsgericht legten sie Rekurs ein; sie gründeten die Vereinigung Associazione Ticinese per la Collaborazione dei Comuni (Tessiner Vereinigung für die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden) und reichten Klage gegen das Gesetz beim Bundesgericht in Lausanne ein. Bereits wurde auf ihre Anregung vom Abgeordneten Saverio Lurati eine Anfrage beim Staatsrat deponiert.
Die Beiträge über das fragwürdige Vorgehen von Lugano sollen einmal mehr aufzeigen, mit welch undemokratischen Mitteln Fusionen durchgesetzt werden. Die Gemeinde Cadro verdient in ihrem Kampf für Demokratie und Unabhängigkeit die volle Unterstützung aller demokratisch gesinnten Bürger.
Einige Daten über die Gemeinden, die mit Lugano fusionieren sollen:

Gemeinde         Gebiet km2    Bewohner    Steuersatz
Barbengo                     2.65            1770             85%
Cadro               
           4.45            1893             95%
Carabbia                      1.07              560             90%
Villa Luganese             2.20              544             85%
Lugano 2007              31.20          52 512            75%
Lugano 2008              41.58          57 279    

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