Erste Schweizer Städte- und Gemeindetagung in Bern

Diskussion über die Zukunft der Gemeinden

von Dr. rer. publ. Werner Wüthrich, Zürich

Schweizer Gemeinden - Autonomie, Zusammenarbeit oder Fusion? Etwa 50 Ständeräte, Regierungsräte, Direktoren von Bundesstellen und kantonalen Ämtern, etliche Gemeinde- und Stadtpräsidenten trafen sich am 8. Dezember im Kursaal von Bern mit Professoren und Spezialisten aus den Universitäten, um Fragen der Gemeindestrukturen zu diskutieren. Ebenfalls mit dabei waren Mitarbeiter von privaten Organisationsentwicklungsunternehmen, die Gemeindefusionen vorbereiten und begleiten. Die nachfolgende Tagungsskizze zeigt, welche Fragestellungen die Initianten und Theoretiker der Gebietsreform beschäftigen.

Hans Peter Fagagnini, Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, leitete seinen Eröffnungsvortrag mit einem etwas provozierenden Vergleich ein. Er zeigte auf, wie stark sich die Gemeindestrukturen im Ausland verändert hätten: Schweden zum Beispiel hat die Zahl seiner Gemeinden in den letzten 50 Jahren von etwa 2500 auf 300 herabgesetzt, die Bundesrepublik Deutschland von 34000 auf 15000. Auch in anderen europäischen Staaten ist die Zahl der Gemeinden massiv reduziert worden. Ganz im Gegensatz dazu sind die Strukturen in der Schweiz - darüber waren sich die Teilnehmer einig - sehr robust. Die Zahl der Gemeinden hat in den letzten Jahrzehnten durch Fusionen lediglich von etwa 3200 auf 2800 abgenommen. Es werde auch in den nächsten Jahren zu keinen radikalen Veränderungen kommen.
Hat die Zahl und Grösse der Gemeinden einen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung? Professor Fagagnini wies darauf hin, dass unter Ökonomen zwei Thesen vertreten werden. Für die einen habe dies keinen Einfluss. Andere dagegen seien der Meinung, dass grosse Städte und Gemeinden Motoren seien für die wirtschaftliche Entwicklung. Kleinräumige Verhältnisse beanspruchen einerseits viel politisches Personal. Andererseits seien gerade in kleinen Dörfern grosse Teile der Bevölkerung als «Milizler» aktiv. Sie seien in das politische Leben eingebunden und würden das Gemeinwesen aktiv mittragen. Die Bürger würden die staatlichen Leistungen nicht einfach konsumieren, wie dies in grösseren Gemeinden und Städten die Regel sei. Das habe einen hohen Wert. Fagagnini stellte aber auch fest, dass die Bereitschaft, sich für die Gemeinde zu engagieren, abnehme. Das verstärke den Trend zum Vollamt. Es brauche aber beides - Miliz und Vollamt.
Reiner Eichenberger, Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Fribourg, äusserte sich zur nachlassenden Bereitschaft, sich in der Gemeinde zu engagieren. Dies müsse nicht zwangsläufig zu Fusionen führen. Man könne auch einmal einen Gemeindepolitiker von aussen «importieren» - wie in einem Fussballverein. Ein vollamtlicher Gemeindepräsident könne sein Amt in Personalunion in verschiedenen kleinen Gemeinden ausüben. Praktiker äusserten sich dazu skeptisch. Bei einem Gemeindepräsidenten sei dies kaum möglich. Dieser müsse aus der eigenen Gemeinde sein. Bei einem Gemeindeschreiber dagegen wäre dies ein möglicher Weg.
Verschiedene Referenten präsentierten eine Auslegeordnung, die sich über alle Stufen der interkommunalen Zusammenarbeit bis hin zur Fusion erstreckte. Die letztere stand jedoch klar im Vordergrund. Ein eindeutiges Rezept, wann eine Fusion angebracht sei, gebe es jedoch nicht. Etliche Teilnehmer äusserten grosse Zweifel, ob es Sinn mache, eine solche zu erzwingen.
In der Analyse, wie Fusionen ablaufen, unterschieden die Experten zwischen harten und weichen Faktoren. Mit «harte Faktoren» sind zum Beispiel Kosten, Finanzen und Steuerbelastung gemeint. «Weiche Faktoren» sind solche des Herzens - wie Bürgernähe, soziale Integration, Identität und Verbundenheit mit der historisch gewachsenen Gemeinde. Besonders in diesem Bereich müssten die Projektverantwortlichen besser mit der Bevölkerung kommunizieren.
Zwei Gemeindepräsidenten führten den Zuhörern je ein Beispiel einer durchgeführten und einer gescheiterten Fusion vor: So vertrat der Gemeindepräsident von Jona, Benedikt Würth, die Ansicht, die beiden grossen Gemeinden seien durch eine langjährige Zusammenarbeit förmlich zusammengewachsen. Die neue Gemeinde Rapperswil-Jona sei ein Musterbeispiel einer gelungenen Fusion. Zwar habe es bis heute nachgewirkt, dass Jona vor rund 200 Jahren noch ein Untertanengebiet gewesen sei. Es habe deshalb auch zwei Anläufe gebraucht. Das gute Verhältnis und auch die gesunde finan-zielle Situation in beiden Gemeinden hätten das Zusammengehen begünstigt. Die neue Gemeinde Rapperswil-Jona sei ein Musterbeispiel einer gelungenen Fusion. Anschliessend berichtete der Gemeindepräsident der Gemeinde Meierskappel LU, Armin Huber, weshalb die geplante Fusion mit Risch ZG wegen der unterschiedlichen politischen Kultur, wegen der unterschiedlichen Steuerbelastung und nicht zuletzt auch wegen der Kantonsgrenze schliesslich wieder habe abgebrochen werden müssen.
Im Verlauf der Tagung wurde deutlich, dass es keine Richtschnur gebe für die ideale Grösse einer Gemeinde oder die Zahl ihrer Einwohner. Das bestätigte auch Ursin Fetz, der über Fusionsprojekte im Kanton Graubünden informierte. Er ist Professor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft HTW in Chur und hat einen Leitfaden für Gemeindefusionen herausgegeben. In den Referaten und Diskussionen kam zum Ausdruck, dass zahlreiche der anwesenden Poli-tiker und Vorsteher von kantonalen und Bundesämtern die vielen Klein- und Kleinstgemeinden in der Schweiz ganz gern zusammenlegen würden. Recht grosse Unterschiede wurden in bezug auf die Vorgehensweise in den einzelnen Kantonen sichtbar. Die verschiedenen «Wege» sollen im folgenden am Beispiel der Kantone Tessin, Schaffhausen und Glarus aufgezeigt werden:
Staatsrat Luigi Pedrazzini, Justiz- und Polizei-direktor des Kantons Tessin, befasst sich in seinem Kanton stark mit den aktuellen Veränderungen der Gemeindestrukturen. Er erklärte den Zuhörern seine Politik: Der Tessin setzt auf Fusionen. Es sei das Ziel der Kantonsbehörden, die zahlreichen Klein- und Kleinstgemeinden im Tessin zusammenzulegen. Er wolle starke Gemeinden mit einem wirtschaftlichen Potential. Die Zahl der Tessiner Gemeinden sei in den letzten 6 Jahren von 245 auf 192 herabgesetzt worden. Erhebliche Synergien und Kosteneinsparungen seien möglich. Eine Gemeinde mit 150 Einwohnern sei für ihn «keine Gemeinde». - Mit dieser Aussage provozierte er den lebhaften Widerspruch von Ständerat Hannes Germann. Dieser übt neben seinem Amt als Ständeherr für den Kanton Schaffhausen auch das des Gemeindepräsidenten der 150-Seelen-Gemeinde Opfertshofen aus. Ohne seinen tüchtigen Gemeindeschreiber wäre dies allerdings nicht möglich, erklärte er anschaulich. Dieser erledige die Arbeiten für die kleine Gemeinschaft nebenberuflich am Abend und, wenn es sein müsse, am Sonntagmorgen - für 900 Franken im Monat. Da lasse sich auch nicht viel sparen - im Gegenteil. Das funktioniere sehr gut. - Der Schreibende, der mit verschiedenen Kleingemeinden in Kontakt steht, kann dies nur bestätigen.
Am Beispiel des Tessins wurde die Problematik der Zwangsfusionen besonders deutlich. Pedrazzini zeigte auf, wie der Kanton Tessin vorgeht. Die Fusionsprojekte in den einzelnen Tälern, die jeweils 6 bis 12 Gemeinden umfassen, werden vom Kanton und von lokalen Arbeitsgruppen vorbereitet. Dann wird in allen beteiligten Gemeinden abgestimmt. Wenn sich die Mehrheit in 2 oder 3 Gemeinden dagegen entscheidet, kann der Fall eintreten, dass sie überstimmt und diese dann zum Zusammenschluss gezwungen werden. In letzter Zeit seien allerdings einige Projekte gescheitert, weil die Mehrheit der beteiligten Gemeinden und der Stimmenden dagegen waren. Es komme auch immer wieder vor, dass Tessiner Gemeinden sich wegen einer Zwangsfusion ans Bundesgericht wenden. Im Moment seien zwei Rekurse hängig. Es sei aber das Ziel, die Zahl der Gemeinden in den nächsten 5 Jahren weiter von 192 auf 150 zu senken. Das Vorgehen im Tessin stiess im Saal mancherorts auf Unbehagen.
Wie schon erwähnt, nahm Ständerat Hannes Germann aus dem Kanton Schaffhausen eine Gegenposition ein. Er zeigte den Zuhörern auf, dass Klein- und Kleinstgemeinden durchaus ihren Reiz und ihre Vorteile haben. Ein Zusammenlegen von Kleingemeinden bringe zudem kostenmässig meistens nicht viel, weil die Gemeindearbeit in hohem Masse von «Milizlern» getragen würde. In solchen Gemeinden sei das «Wir-Gefühl» besonders ausgeprägt - was positiv sei. In grossen Gemeinden sei es üblich, staatliche Leistungen einfach zu fordern und zu «konsumieren». In kleinen sei diese Haltung viel weniger zu beobachten.
Germann stellte den Zuhörern die Situation im Unteren Reiat vor, einem ländlichen Gebiet zwischen Schaffhausen und der Landesgrenze. Hier gebe es 4 Gemeinden, die alle etwa 200 Einwohner hätten. In den letzten Jahren sei es schwieriger geworden, die Gemeindehaushalte ohne Defizit abzuschliessen. Die Schulden je Einwohner seien aber nicht alarmierend. Mit 5000 Franken seien sie im Durchschnitt deutlich geringer als in grossen Städten wie Genf mit 40000 Franken je Einwohner. Die Schulden seien auch viel geringer als beim Bund mit 17000Franken. Trotzdem sei die Frage aufgekommen, ob die 4 Kleingemeinden in Zukunft ihre Aufgaben werden bewältigen können. Man sei davon abgekommen, die 4 kleinen Gemeinden einfach zusammenzulegen. Das bringe kaum etwas. Heute liege ein Vorschlag auf dem Tisch, dass sich alle 4 dem benachbarten Thayngen anschliessen. Diese Grossgemeinde sei finanziell stark und habe Industrie. Das Projekt werde nun sorgfältig geprüft und vorbereitet, und es werde in allen Gemeinden separat abgestimmt.
Ständerat Germann äusserte sich kritisch zum Projekt des eigenen Regierungsrates, das unter dem Kürzel «sh.auf» bekanntgeworden ist. Dieser plante, die 32 Schaffhauser Gemeinden in einem Schritt auf 7 zu reduzieren. Er verglich diese Vorgehensweise mit derjenigen der Kolonialmächte in Afrika. Diese hatten vor 200 Jahren die Grenzen der Länder vom Schreibtisch aus mit dem Lineal gezogen. Das Volk im Kanton Schaffhausen sei nicht «mitmarschiert» und die Regierung habe nun von Zwangsfusionen Abstand genommen.
Anschliessend stellte Ständerat Fritz Schiesser das Jahrhundertprojekt im Kanton Glarus vor. Er ist Projektleiter der Gemeindestrukturreform. Diese ist in manchen Punkten dem Projekt «sh.auf» in Schaffhausen ähnlich. In Glarus sollen die 27 Gemeinden in relativ kurzer Zeit - nötigenfalls mit Zwang - auf 10 regionale Einheitsgemeinden reduziert werden. Glarus habe lediglich 40000 Einwohner. Es gehe nicht nur um die 27 Gemeinden. Der Kanton habe insgesamt 90 selbständige, öffentlich-rechtliche Körperschaften - wie zum Beispiel zahlreiche Schulgemeinden. Auch sie sollen in die neuen Einheitsgemeinden integriert werden. Er begründete das Projekt ähnlich wie Staatsrat Pedrazzini aus dem Tessin. Man wolle starke Gemeinden errichten mit wirtschaftlichem Potential. - Am 1. Sonntag im Mai wird die Landsgemeinde über das Projekt entscheiden.
Ständerat Schiesser musste sich einige provokative Fragen gefallen lassen. So fragte zum Beispiel jemand aus dem Publikum, ob die Glarner Regierung mit den vorgesehenen Zwangsfusionen nicht den gleichen Fehler mache wie Schaffhausen. Der Gesprächsleiter doppelte nach und fragte ihn: «Wollen Sie in Ihrem Kanton zum ÐTotengräber des Milizsystemsð werden? Sind die Zeiten im Glarnerland endgültig vorbei, wo auch ein Bauer oder ein Förster das Amt des Gemeindepräsidenten übernehmen kann?» Schiesser - von Beruf Rechtsanwalt - entgegnete wortreich. Es bestünden Unterschiede zwischen Schaffhausen und Glarus. Auch die ehrenamtliche Mitarbeit werde in den neuen Gemeinden durchaus noch ihren Platz finden.
Ständerat Hannes Germann beendete die lebhafte Diskussion mit der Bemerkung: Er ziehe den Hut vor der Landsgemeinde in Glarus, die das Jahrhundertprojekt zu entscheiden habe. An der Urne würde das Projekt es jedoch nie schaffen.
Der Gesprächsleiter entliess die Zuhörer mit der Aufforderung, am 1. Sonntag im kommenden Mai das Geschehen in Glarus mitzuverfolgen. Hochspannung sei vorprogrammiert.


Kommentar

Gemeindeautonomie in Gefahr

ww. Der Grosse Rat des Kantons Graubünden hat vor wenigen Tagen ein neues Gemeindegesetz verabschiedet. Zentraler Punkt ist Artikel 94: Eine funktionierende Gemeinde kann unter bestimmten Voraussetzungen künftig zum Zusammenschluss mit anderen Gemeinden gezwungen werden.1 Ebenfalls verabschiedet wurde ein Gesetz, das die Finanzhilfe des Kantons an die Gemeinden regelt. Zentral ist hier folgender Artikel: Nur Gemeinden mit mehr als 300 Einwohnern erhalten die volle finanzielle Unterstützung, die ihnen von Gesetzes wegen zusteht.2 Das heisst nichts anderes, als dass die Einwohner von kleineren Gemeinden diskriminiert werden - nur weil ihre Dörfer klein sind. Als Folge müssen sie höhere Steuern bezahlen als Einwohner in grösseren Gemeinden, die eine vergleichbare finanzielle Situation haben. Im Kanton Graubünden gibt es 102 Gemeinden mit weniger als 300 Einwohnern. Ist die Kleinheit von Gemeinden ein sachlicher Grund, der die steuerliche Ungleichbehandlung rechtfertigt? Artikel 8 der Bundesverfassung garantiert die Rechtsgleichheit und bestimmt, dass niemand wegen seiner Lebensform diskriminiert werden darf. Das dörfliche Leben ist heute eine besondere Lebensform. Eine Verfassungsklage wäre zu prüfen.

Die 75jährige, parteilose Grossrätin Ursulina Joos aus Tenna brach im Parlament in Chur auf eine bewundernswerte Art und Weise eine Lanze für die kleinen Gemeinden. Sie wehrte sich gegen deren Diskriminierung und setzte sich für die Gemeindefreiheit ein. Tenna ist eine viele Jahrhunderte alte, stolze Walsersiedlung mit heute 120 Einwohnern, die vor allem Landwirtschaft betreiben. Sie liegt auf einer sonnigen Terrasse 1600 m über Meer im vorderen Safiental. Das kleine Dorf besitzt eine Kirche aus dem 14. Jahrhundert mit wertvollen Wandmalereien.

Weshalb dürfen Gemeinden nicht selbst frei entscheiden, ob sie sich mit ihren Nachbarn zusammenschliessen wollen oder nicht? Weshalb arbeiten Kantone Projekte mit dem Ziel aus, ihre Gemeinden zu neuen Grossgemeinden zusammenzuschliessen? Weshalb werden kantonale Projektverantwortliche beauftragt und private Organisationsentwicklungsbüros mit Steuergeldern bezahlt, um in diesem Sinn tätig zu werden? Weshalb versuchen Kantone, die Gemeinden und ihre Stimmbürger zu beeinflussen? Weshalb versprechen sie fusionswilligen Gemeinden Geld? Weshalb kürzen sie Nicht-Fusionswilligen die kantonalen Beiträge - wie soeben im Kanton Graubünden geschehen? Weshalb wenden sie Zwang an?

Gemeinden mit nur wenigen hundert Einwohnern haben oft einen grossen Zusammenhalt und tragen sich selber. Ihre Dienstleistungen mögen weniger bürokratisch durchorganisiert sein als in grossen Gemeinden. Dafür tragen ihre Einwohner das Gemeindeleben als «Milizler» aktiv und mitverantwortlich mit, während die Bewohner grosser Gemeinden die staatlichen Leistungen oft mit einer Forderungs- und Anspruchshaltung konsumieren, so wie sie Tomaten in der Migros kaufen. Welche Haltung staatspolitisch wertvoller ist, mag der Leser selber beurteilen. Ständerat Hannes Germann hat diese Zusammenhänge als Gemeindepräsident der 150-Seelen-Gemeinde Opfertshofen SH anschaulich aufgezeigt. Er hat ebenfalls aufgezeigt, weshalb kleine Gemeinden in der Regel sorgfältiger mit Steuergeldern umgehen und weniger Schulden eingehen als grosse. - Es sollte eigentlich klar sein, dass kleine Gemeinden nicht benachteiligt werden dürfen, sondern im Gegenteil gepflegt werden müssten. Vor allem müsste ihr eigener Entscheid, ob sie sich mit den umliegenden Dörfern zusammenschliessen wollen oder nicht, respektiert werden. Die neuen bündnerischen Gesetze, die Zwangsfusionen von funktionierenden Gemeinden vorsehen und die Bewohner in kleinen Gemeinden steuerlich diskriminieren, sind eine Schande für die Gesetzgebung. Die bedrohte Gemeindeautonomie müsste in der ganzen Schweiz zum Thema gemacht werden.

Die schuldenfreie Kleinstgemeinde Ausserbinn im Oberwallis wurde vor einem Jahr vom Kanton mit den umliegenden Gemeinden trotz heftigster Gegenwehr und Rekurs beim Bundesgericht zwangsfusioniert. Zeit-Fragen hat wiederholt darüber berichtet. Die kleine Gemeinschaft liegt nun etwa 4 Kilometer vom Zentrum der neuen Grossgemeinde entfernt. Die Bewohner von Ausserbinn haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen, um die Zusammengehörigkeit und das kulturelle Leben weiterzupflegen. Sie wollen nicht zu einem seelenlosen Aussenquartier absinken. Es hat sich jedoch gezeigt, dass dies nicht so einfach ist, wenn die politische Identität und die Selbstbestimmung fehlen.

Zurück zur Gemeindetagung in Bern: Professor Fagagnini hat die Tagung mit dem Hinweis eröffnet, dass die Gemeindestrukturen in der Schweiz - im Gegensatz zu manch anderen Ländern - robust sind. Das heisst, dass sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel verändert hat. Die Frage blieb offen, warum das so ist. Noch etwas Wichtiges hat gefehlt: Niemand hat die Verbindung zur EU-Beitrittsstrategie gezogen, die der Bundesrat seit etwa 15 Jahren verfolgt. Die Fakten dazu gehören auf den Tisch.

Die Konferenz der Kantonsregierungen, KdK, hat vor 5 Jahren eine Studie veröffentlicht mit dem Titel «Die Kantone vor der Herausforderung eines EU-Beitritts» (Zürich 2001). Darin wird klar aufgezeigt, dass im Hinblick auf einen künftigen EU-Beitritt zahlreiche «Reformen» durchgeführt werden müssen. Ebenso wird klar gesagt, dass die Reformen Schritt für Schritt vor dem Beitritt eingeleitet werden müssten. Anders sei es in unserer direkten Demokratie nicht möglich. Vor allem die kleinräumigen Verhältnisse mit den vielen Gemeinden müssten «reformiert» werden. Die EU-Gesetze, die der einheimischen Rechtsordnung übergeordnet wären, seien grossräumig und zentralistisch konzipiert. Deshalb müssten grössere politische Einheiten gebildet werden, die die Rechtserlasse aus Brüssel einheitlich durchsetzen können.

Was heisst das konkret? Dazu ein Beispiel: Wenn ein Gemeindepräsident einer kleinen Gemeinde einen Brief aus Brüssel erhielte, der dem gemeindeeigenen Kindergarten vorschreibt, welche Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien er zu verwenden habe, würfe er den Brief wahrscheinlich in den Papierkorb. Er würde sich fragen, was den Herren in Brüssel überhaupt einfalle, sich so in die Gemeindeangelegenheiten einzumischen. - So gesucht ist dieses Beispiel nicht, hat doch die EU auf sämtlichen Stufen des Schul- und Erziehungswesens eine Mitkompetenz - vom Kindergarten bis zu den Hochschulen. In Städten und grösseren Gemeinden, die «professioneller» und stärker von oben geleitet werden, liessen sich die Anweisungen der EU besser durchsetzen.

Ist der Preis für einen EU-Beitritt, der noch gar nicht stattgefunden hat und den das Volk bisher immer deutlich abgelehnt hat, nicht zu hoch? Die sogenanten «Strukturreformen» können zu weitreichenden Folgen führen. Die Unruhen in Frankreich sind in den seelenlosen Aussenquartieren von Grosssiedlungen entstanden, wo tragende Strukturen fehlen und sich niemand richtig verantwortlich fühlt. In kleinen Gemeinschaften, die sich selber tragen und in denen sich die Einwohner für das Gemeindeleben mitverantwortlich fühlen, ist so etwas schlicht nicht denkbar. In der Agglomeration Zürich, wo wirtschaftlich angeblich alles gut läuft, explodieren die Sozialkosten. Immer mehr Leute leben von Sozialhilfe. So etwas kommt in kleineren Gemeinschaften weniger vor, weil es leichter möglich ist, alle zu integrieren. So lässt sich zum Beispiel oft für alle Schulabgänger im Dorf eine Lehrstelle finden, weil sich alle dafür verantwortlich fühlen - die Lehrer, die Behörden und die ansässigen KMU.

Die bereits in etlichen Kantonen eingeleitete Strukturreform verdient eine breite und vertiefte Debatte.

1 Eine Zwangsfusion ist möglich, wenn das Mitwirken einer nicht fusionswilligen Gemeinde für die Abgrenzung und die Aufgabenerfüllung einer neuen Gemeinde unentbehrlich ist und wenn die Mehrheit der anderen betroffenen Gemeinden dem Zusammenschluss zugestimmt hat.

2 Eine Gemeinde, die zwischen 200 bis 299 Einwohner hat, muss auf einen Sechstel der Unterstützung verzichten. Hat eine Gemeinde weniger als 200 Einwohner, wird ihr ein Drittel der Unterstützung abgezogen. Gemeinden mit weniger als 100 Einwohnern müssen sogar auf die Hälfte des gesetzlichen Anspruchs verzichten.


Zweckgemeinden - wirklich ein Mittelweg?

ww. Anwesende Ökonomen propagieren das Modell der «Zweckgemeinden» als Mittelweg zwischen den heutigen Gemeindestrukturen und Fusionen. Analog zu den heutigen Zweckverbänden könnten «Zweckgemeinden» gemeindeübergreifend bestimmte öffentliche Aufgaben übernehmen. Sie wären zum Beispiel für den Lokalverkehr oder die Kehrrichtabfuhr verantwortlich. Solche «Gemeinden» würden sich über das Territorium von mehreren herkömmlichen Gemeinden erstrecken. Sie würden eigene Steuern erheben und von eigenen, vom Volk gewählten Behörden geführt werden. Die traditionellen Zweckverbände, die heute für solche Aufgaben zuständig sind, werden dagegen von Mitgliedern der kommunalen Exekutive geleitet.

Kritisiert wurde in der Diskussion, dass solche «Zweckgemeinden» die Gemeinden aushöhlen. Sie würden traditionelle, öffentliche Aufgaben, losgelöst von den eigentlichen Gemeinden, übernehmen und damit deren Identität und den Zusammenhalt schwächen. Der Schritt zur Fusion wäre dann nicht mehr gross. Zudem würde die Bildung von neuen «Gemeinden», die sich über das Territorium von mehreren traditionellen Gemeinden erstrecken, zu unübersichtlichen Verhältnissen führen. Die Demokratie würde so eher geschwächt als gestärkt. Praktiker ergänzten, dass Zweckgemeinden, die über eine eigene Steuerhoheit verfügen und die nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen haben, oft keine kostengünstige Lösung wählen.

 

Artikel 6: Zeit-Fragen Nr.2 vom 9.1.2006, letzte Änderung am 10.1.2006