Zweckgemeinden
– FOCJ (Functional, overlapping and competing jurisdictions)
(md) Seit einiger Zeit wird das Konzept der Zweckgemeinden (dabei ist
nicht gemeint Zweckverbände!) von Wissenschaftlern sowohl in der Schweiz wie
auch im EU-Raum in die Diskussion
eingebracht, um die finanziellen Probleme der Gemeinden zu lösen. Die Väter
dieses Konzeptes sind Prof. Bruno S. Frey und Prof. Reiner Eichenberger.
Wie wird die „Zweckgemeinde
(FOCJ)“ definiert?
(Zusammenfassung NZZ-Artikel vom 15./16.1.2000 Föderalismus – neu
gedacht, Autoren: Bruno S. Frey, Prof. für Wirtschaftspolitik der Uni Zürich,
Prof. Dr. oec. publ. Reiner Eichenberger, Leiter des Seminars für
Finanzwissenschaft der Uni Freiburg)
Zweckgemeinden (FOCJ) sind Aufgabenträger, die ausgerüstet werden mit
Jurisdiktionen, Steuerhoheit und „(direkt)-demokratischen Institutionen“ wie
z.B. Regierungen, Mitwirkungsrechte der Mitglieder etc.
Die Grösse variiert je nach Aufgabe von gemeinde-, kantons- bis zu
länderübergreifender Ausdehnung. Eine Zweckgemeinde (FOCJ) begründet sich durch
die Übernahme einer Aufgabe, die für die Öffentlichkeit angeboten werden muss,
z. B. Bildung, Verkehr, Abwasser, Energie, Gesundheitswesen, Sicherheit,
Freihandel etc. Zweckgemeinden
versuchen, möglichst günstig und effizient die gewünschte Leistung für die
Bürger zu erbringen. Sie können sie selber erbringen oder auslagern an private
Leistungserbringer. Gemeinden und Bürger haben das Recht, sich derjenigen
Zweckgemeinde anzuschliessen, in der sie die Leistung ihren Wünschen
entsprechend vorfinden. Ein- und Austrittsrecht in solche FOCJ soll als „fünfte
politische Freiheit zu den 4 wirtschaftlichen Freiheiten “ jedem Bürger
garantiert werden. Dadurch entstehe „ein flexibles Netz von
Regierungseinheiten, das sich der Geographie der Probleme anpasst“. FOCJ können
die Aufgabenerfüllung vom günstigsten Anbieter einkaufen und dadurch günstiger
werden für den Steuerzahler. Dadurch steigt seine Wettbewerbsfähigkeit
gegenüber beitrittswilligen Bürgern und Gemeinden. Je grösser ein FOCJ, umso
günstiger können Leistungen erbracht werden. Für die gleiche Aufgabe kann es
mehrere Zweckgemeinden geben, die im Wettbewerb stehen untereinander. Die
jeweiligen Einwohnergemeinden müssen dem Bürger bekannt geben, welche Leistung
für wieviele Steuerprozente erbracht wird, damit der Bürger auf dem Markt der
FOCJ vergleichen kann, ob er durch einen Beitritt in ein entsprechendes FOCJ
Steuern sparen könnte. Die Regierungen der FOCJ sind also dem Wettbewerb
ausgesetzt, die Ausdehnung der FOCJ kann je nach Ein- und Austritten von
Bürgern und Gebietskörperschaften ändern.
Folgende Auswirkungen dieses Konzeptes seien gemäss den beiden Autoren
als Vorteile zu bewerten:
1. Erfüllung der fiskalischen Äquivalenz
2. Finanzielle Autonomie der Aufgabenträger als politische Einheit
3. Flexible Grösse der politischen Einheiten
4. wirksame Kontrolle der Regierung durch ausgebaute Ein- und
Austrittoptionen der Bürger
5. FOCJ würden helfen, durch verstärktes „oursourcing“ den öffentlichen
Sektor zurückzudrängen.
6. Traditionelle Gebietskörperschaften würden durch den
Wettbewerbsdruck der FOCJ effizienter.
Aus einem Artikel „Zweckgemeinden statt Zweckverbände“ 2. Teil von Reiner Eichenberger geht hervor, dass
die Überlegungen rein ökonomisch begründet sind. Er schreibt dort: „Eine
erfolgreiche Ursachentherapie muss auf die zentrale Einsicht der Ökonomik
bauen: Wettbewerb schafft Wohlstand. Dies gilt für die Politik genauso wie für
die Wirtschaft. (...) Das Konzept der
FOCJ gründet auf der Modernen Politischen Ökonomie, der Konstitutionellen
Ökonomie und verschiedenen Elementen der ökonomischen Föderalismustheorie.“ Den
Politikern müssten Anreize geboten werden, damit sie auf die Präferenzen der
Bürger eingehen würden. „Solche Anreize vermittelt der politische Wettbewerb:
föderalistischer Wettbewerb zwischen fiskalisch eigenverantwortlichen
Gebietskörperschaften, repräsentativ-demokratischer Wettbewerb zwischen
Parteien und Politikern und direkt-demokratischer Wettbewerb zwischen
verschiedenen Ideen und Vorschlägen“.
FOCJ bilden ein anpassungsfähiges föderales Netz von
Regierungseinheiten, welches eng an die Bürgerpräferenzen gebunden ist und sich
der Geographie der Probleme anpasst. FOCJ werden sich nicht auf die Produktion
von Leistungen konzentrieren, sondern auf ihre Bereitstellung. Die Privatisierung würde dadurch nachhaltig
gefördert. Bürger sind Mitglied mehrerer FOCJ, die je nach Aufgabe geografisch
nicht zusammenhängend sein müssen. Sie wählen deren Exekutive und Legislative,
haben Initiativ- und Referendumsrecht und gestalten das FOCJ vertraglich aus.
Sind Gemeinden Mitglied eines FOCUS, sind die Gemeindeeinwohner automatisch
Bürger dieses FOCUS. Wenn einem Bürger dieser FOCUS nicht passt, kann er nur
durch Wegzug austreten.
Sind einzelne Bürger Mitglied eines FOCUS, kann jeder beispielsweise
selber entscheiden, welchem Schulfocus er beitreten will. Damit auch Personen
ohne Kinder einem Schulfocus beitreten, kann eine Mitgliedschaft als
obligatorisch erklärt werden.
1.
Das Konzept der Zweckgemeinden/FOCJ wird als den Spezialgemeinden
verwandtes Konzept dargeboten. Wir müssen das Konzept aber unter heutigen
gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftspolitischen Tendenzen
beleuchten. Seit 1994 verhandelt der Bundesrat mit der WTO die Liberalisierung
der öffentlichen Dienstleistungen. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten,
und weite Teile z.b. der Bildung, Energieversorgung, Gesundheitswesen,
Sozialwesen, Verwaltung u.a. werden in nächster Zukunft dem freien Markt
übergeben. Dies wird einen massiven Privatisierungsschub auslösen, dem sich die
Gemeinden nicht entziehen können. Die Bildung von FOCJ würde alle möglichen
Bereiche umfassen, so dass die Gemeinden kaum mehr Kernaufgaben behalten könnten.
Es würde etwa so aussehen wie bei der Post, dass alle wirtschaftlich
rentierenden Bereiche privatisiert würden, die Lasten jedoch bei den Gemeinden
bleiben würden.
2.
Der Einzelne wäre in vielen verschiedenen FOCJ Mitglied und müsste in
jedem FOCJ seine demokratischen Rechte wahrnehmen. Dazu meinen die Autoren,
solange die Leistung eines FOCJ gut und günstig erbracht würde, müsste sich der
Bürger ja nicht darum kümmern. Erst wenn er unzufrieden sei, bräuchte er die
politischen Rechte wahrzunehmen. Die direkte Demokratie garantiert die
Mitsprache des Bürgers jedoch nicht nur im Hinblick auf das zu erreichende
Ziel, sondern auch bezüglich des Weges zum Ziel. D.h. wenn das private günstige
Abfallentsorgungsunternehmen die Abfälle in Billiglohnländer zur Verbrennung
exportiert, sollte dies dem Bürger nicht egal sein.
3.
Viele Bürger müssten sich ihre FOCJ nach dem tiefen Einkommen
aussuchen. Sie müssten sich für ein billiges Schulfocus entscheiden, begüterte
könnten sich teurere Bildungsfocj leisten. Ebenfalls im Bereich Gesundheit
(Krankenkassen-FOCJ), Soziale Sicherheit usw.
4.
Heute könnten viele öffentliche Dienstleistungen ohne weiteres
grossräumig erbracht werden. Es ist aber der Wunsch, in regionalen,
übersichtlichen Einheiten zu leben und viele Dienstleistungen selber zu
produzieren. Dies trägt bei zur Unabhängigkeit, schafft Arbeitsplätze und
reduziert die Gefahr grosser Katastrophen etc. Im EU Raum wird die gesamte
Stromversorgung noch durch 3 Stromgiganten gewährleistet. Ein FOCJ würde also
etwa ein Drittel des EU-Raumes umfassen. In der Schweiz gibt es noch ca 800
Stromproduzenten. Sollen wir diese dem
Wettbewerb dieser Riesen-FOCJ aussetzen?
5.
Die freie Marktwirtschaft im Bildungswesen öffnet das Tor für
Bildungsunternehmen wie z. B. Bertelsmann, um Angebote auf den Schweizer Markt
zu bringen. Das Verbot der Bevorzugung
von Marktteilnehmern führt dazu, dass die Gemeinden die für die Schule
vorgesehenen Gelder auch privaten Anbietern gewähren müssen, ihnen also die
gleichen Bedingungen schaffen müssten wie einer gemeindeeigenen Schule. Ein
Schulfocus würde also, weil es günstiger ist, an Bertelsmann einen
Bildungsauftrag zur Führung der Oberstufe erteilen. Dieser Schulfocus könnte
Gemeinden aus verschiedenen Kantonen umfassen, müsste also geografisch keinen
Zusammenhang haben. Aufgrund der Mitglieder würde Bertelsmann die Schulzentren
festlegen und betreiben.
6.
Das Konzept der FOCJ würde eine tiefgreifende Veränderung unseres
Staates erzeugen. Nebst der Auflösung der Gemeinden und Kantone würde auch die
direkte Demokratie geschädigt. Mit der Unterstellung jeglicher Entscheidung
unter das Primat der Effizienz und Wirtschaftlichkeit sind keine qualitativen
Entscheide mehr möglich. Das bewährte Gemeinwesen der Schweiz würde geschwächt.
NZZ-Artikel vom 15./16.1.2000 Föderalismus – neu gedacht, Autoren:
Bruno S. Frey, Prof. für Wirtschaftspolitik der Uni Zürich, Prof. Dr. oec.
publ. Reiner Eichenberger, Leiter des Seminars für Finanzwissenschaft der Uni
Freiburg)
Rezension von Ursina Kuhn zu:
Frey Bruno S. (1997) Ein neuer Föderalismus für Europa: Die Idee der
FOCJ. Walter Eucken Institut. Beiträge zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik
151, Tübingen: Mohr Siebeck. S. 1 – 52
Diverse Artikel unter: www.zweckgemeinde.ch
Carmen Walker Späh und Jürg de Spindler
Die „Zweckgemeinde, Ein Weg der sanften Anpassung bisheriger Strukturen
Bruno S. Frey, Kantonsfusionen bringen nichts, Das Modell für möglichst
effiziente Verwaltung heisst: „Demokratische Zweckgemeinde“
Reiner Eichenberger, Zweckgemeinde statt Zweckverbände!